4

Leipziger Volkszeitung vom 28. März 2011

Szenische Plattitüden
Langweilende, beliebige Inszenierung: die aktuelle Spinnwerk-Produktion „Mahatma Hitler“

Da steht man also in Gruppe, nach langem Wandeln über Treppen und durch Werkhallenfluchten, draußen vor der Backsteinfassade und blickt hinauf zu den Fenstern, aus denen zwei Gestalten mit Megaphon in den dunklen und zum Glück lauen Märzabend salbadern. Ja, die aktuelle Spinnwerk-Produktion „Mahatma Hitler“, die am Freitag Premiere hatte, offeriert sich mit einiger Originalitätswut.
Genützt hat die nichts. Friedrich Schmidts Inszenierung stagniert als Traktat-Theater szenischer Plattitüden. Ist also eine dieser letztlich so furchtbar deutschen, weil autistischen Reflektionen zu dem, was man gemeinhin als „gesellschaftlich relevant“ postuliert. Was fade genug ist. Angereichert mit – wie formal verzerrt und ironisiert auch immer – persönlichen Befindlichkeiten bis hin zum biographischen Abriss der beiden Darsteller vom Band (aufgewachsen dort und dort, Schule da und da, Uni hier) wird das zur zähen Performance hin malträtierten Kopfgeburt.
In der tappt man nach Open-Air-Eröffnung zurück in den Theaterraum. Den zu betreten, stehen zwei Türen zur Wahl. Auf der einen Seite der von Stellwänden geteilten Bühne erwartet einen Katrin Haneder, auf der anderen Max Schaufuss. Er mit kurzen Hosen, Kniestrümpfen und Binder unterm Pullover. Sie mit Schlabberhose, Bluse und geschminkt wie eine Waldorfschülerin, die zum Fasching als Winnetous Schwester geht. Hinfort geben jeder auf seiner Bühnenseite einen sich verzahnenden Monolog. Das gelingt gut, wenn Rolf Dieter Brinkmanns rhythmisch hyperventilierendes Gedicht „Rolltreppen im August“ von den Darstellern geradezu ausgespuckt wird. Suggestive Beschwörung einer Panik, die Städte, Gegenstände, Hirne, Körperfasern tränkt wie ein Gift. Nur gibt es in „Mahatma Hitler“ außer der Poesie von Brinkmann sonst leider nur noch Gewäsch. Islam und Islam-Phobie, Kunst und ihre (Nicht-)Wirksamkeit, auch sechs Millionen Juden müssen mal kurz wieder ran. Aber Texte von Margot Käßmann, Alice Schwarzer oder dem Journalisten Udo Ulfkotte hallen auch auf der Bühne nicht weniger dröge als etwa in der Glotze. Im Gegenteil: Sie sind hier sogar noch langweiliger.
Wie auch der Dialog, den Haneder/Schaufuss dann von Angesicht zu Angesicht führen. Beobachtet von einer Kamera, die das lahme Gespräch über Aktionen bezüglich „Kunst, die raus muss“, aus einem „Individualitätsbereich“ genannten Kabuff fürs Publikum in den Zuschauersaal („Kollektivbereich“) projiziert. Na, wenn das mal keine Metapher ist. Klar, das gibt sich alles auch wieder ironisch gebrochen. Und klar, das alles bietet sich an für „gesellschaftlich relevante“ Diskussionen in Endlosschleife. Wie das eben immer so ist, bei Beliebigkeiten. Steffen Georgi

schreie

friedrich steht auf einer leiter, schreit und flucht. ich denke, er wird gleich etwas kaputt schlagen, ich verstecke mich besser.
noch mehr schreie, just in diesem moment. jetzt steckt er sich, von seiner frustration übermannt, eine hand voll chips in den mund. ahhhh

lebenszeichen

krise

mi23märz 10:18
krise, natürlich!

back

di22märz 16:45
nun geht es wieder los. habe schon ein bisschen technik gemacht. mac und katrin werden jetzt eingekleidet und dann beginnt die probe.

Ende

mo21märz 23:33

Wir haben geprobt, bis eben. Ein Durchlauf. Nach kurzen Disput wegen der fehlenden Despotie in meiner Regie, ist nun die Stimmung wieder besser.

Wo sind wir?

Ich bin im Spinnwerk, es wird immer dunkler, wir stehen im Kreis und fragen uns was das werden soll. Eine Stimme ruft: Friedrich fick dich! Es ist meine Stimme. Texte sind noch nicht gelernt, vor allem von mir nicht. Der Countdown läuft, die Daumenschrauben hängen noch genügsam in der Ecke, aber morgen wird ein neuer Tag die Welt erblicken und mahatma hitler steht bereit. Ich habe mich jetzt doch entschlossen bei mahatma hitler zu bleiben, ich werde am Freitag auf die Bühne gehen, seid ihr mit mir?
Jetzt Pizza und Cola.

Max

Fußball

mo21märz 15:15
Max und Katrin spielen Fußball zum aufwärmen. Noir Desir im Hintergrund.

Beginn Endproben

mo21märz 14:12
Max und Katrin ziehen sich um. Ich sitze hinter dem Lichtpult und warte.

3

natürlich habe ich angst zu scheitern.
friedrich schmidt hat angst zu scheitern.
mahatma hitler hat angst zu scheitern.

unmengen an daten liegen noch herum, sie warten nur darauf hochgeladen und konsumiert zu werden. nur ist mahatma hitler im moment mehr planwirtschaft denn freie marktwirtschaft. mehr ungewollter mangel denn gewollte obsoleszenz.

doch bald werden die landschaften wieder blühen.

ich höre ein lied in dauerschleife, für mich eine alte technik, ein alter versuch bei mir selber einen loop zu erzeugen. die proben laufen gut und doch nicht nur. viel ist klarer und, natürlich, noch mehr ist unklarer geworden.

meine befürchtung wächst, das nach dem 26.03. friedrich schmidt auf einen selbstfindungstrip nach indien geht. oder nach berlin zur selbstverwirklichung, to experience nothingness.

I‘m looking forward…

2

Mein erster eintrag ins faithbook. in mein „buch des vertrauens“

wir haben nun sieben proben hinter uns. die versprochene transparenz zu schaffen fällt mir doch sehr schwer. ich muss beginnen dieses „metadogma“ zu verwirklichen. außerdem muss ich zugeben das ich am anfang unsere audiodateien ein bisschen beschnitt, das passiert nun nicht mehr. allein schon aus dem einfachen grund das es einfach zu große mengen sind um sie alle nochmal auf ihre verträglichkeit zu durchhören. wir nehmen es in diesem falle doch sehr ernst mit dem „digital exhibitionism“. heute war, nach drei sehr produktiven tagen, eher ein tag des nicht voran kommens, aufgrund aufkommender nervosität, des knappen zeitraumes wegens. ich bin trotzdem nicht frustriert, da ich diesen druck von anfang an eingeplant habe, und ich mir seiner katalytischen wirkung sehr bewusst bin.

mahtma hitler ist die sonne, mahatma hitler ist das ei, mahatma hitler ist die polizei der polizei.

noch wirkt sich mein mangel an erfahrung und intellektuellem hintergrund nicht negativ aus, auch wenn max wie katrin manchmal klare ansagen und einen klareren fahrplan vermissen. ich habe das gefühl ich hätte keine besseren auswählen können. außerdem war die entscheidung mit nur zwei darstellern zu arbeiten eine gute.

„mahatma hitler, ein spaßprojekt, wie schön das ihr es endlich checkt“
aus „Zack, bumm, freckt“ von Mahatma Hitler

für mich stellt mahatma hitler ein versuch dar, einen bruchteil von mir bzw. mit was ich mich beladen habe zu kommunizieren. auch aus dem eigennützigen grund, vielleicht mal eine kurze zeit von diskursen befreit zu sein die in meinem weißen kopf toben.

ich höre popmusik von einem freund gespielt und fühle mich gut und müde.

ich gehe gleich schlafen, denn ich bin nicht mahatma hitler.